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Philatelistenklub Merkur Innsbruck

Das Farbproblem in der Philatelie.
Aktuelle Wegweisung der Jahrestagung des BPP 2006.
 

Vor 140 Jahren spielten in ersten frühen Katalogen die Farben der Marken kaum eine Rolle, wenn sie denn überhaupt Erwähnung fanden. Heute sind Farben eine Spielwiese für Spezialisten, auf der sich Philatelisten - zum Beispiel im MICHEL-Spezial - ungehindert „austoben" können. Kataloge werden von Ausgabe zu Ausgabe umfangreicher und damit auch irgendwann unbezahlbar teuer. Wer hat nun ein Interesse daran? Der Sammler, der eine vermeintlich oder tatsächlich seltene Markenfarbtönung hat? Der Händler, der diese gerne teuer verkaufen will? Der Prüfer, der sich über höhere Prüfgebühren freut? Offenbar alle, - aber nicht wenigen fällt auch hier auf, dass der Krug eben nur so lange zum Brunnen geht, bis er bricht. Dass es für diese Annahme gute Gründe gibt, machten Diskussionen und Vorträge bei der diesjährigen Tagung des Bundes Philatelistischer Prüfer in Frankfurt mehr als deutlich.

Man glaubt es kaum: der frühe Katalog von Dr. John Edward Gray aus dem Jahre 1862 kannte bei der Auflistung von Marken kaum Farben. Er beschrieb nur die Markenbild-Motive. Das reichte ihm für den Anfang. Anderen nicht, sie nannten zumindest die Hauptfarben und kamen dabei mit recht wenigen aus. Die Farbtönungen und deren Varianten waren noch nicht geboren. Dieser paradiesische (?) Zustand währte allerdings nicht ewig, denn schon in den späteren Katalogen, besonders in Spezialwerken ab den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, mehrten sich erste Farbtönungsunterschiede. Sie blieben aber eher die Ausnahme.

Anders im 20. Jahrhundert, denn nun begann man sich vermehrt Gedanken zum Thema Farben und Farbbezeichnungen zu machen. 1917 legte Ferdinand Genth eine Tafel zur Bestimmung der Farbe bei den Postwertzeichen vor, welche bei weitem nicht die erste war. Schon in den 80er-Jahren hatte es solche auch aus dem Hause der Gebr. Senf gegeben, auch in New York war eine „Colour Cart" erschienen und eine weitere vergleichbare von der Firma Scott.

Spezial-, aber auch selbst Standard-Kataloge der letzten Jahrzehnte erfahren mit jeder Neubearbeitung einzelner Gebiete eine Erweiterung der angegebenen Farbtönungen (nicht der Grundfarben!), so dass man sich schon einmal die Frage stellen muss, wie das möglich ist, will man den Vorfahren nicht generell ein Desinteresse an Spezialisierung oder gar generelle Farbblindheit unterstellen. Denn anderenfalls hätte doch diese Inflation der Farbtönungen auch schon vorher bekannt sein müssen. Oder fehlte den Philatelisten damals die Phantasie für Bezeichnungen? Die häufig blumigen, dem Alltagsempfinden entlehnten Begriffe für Farbtönungen, sprechen nicht gerade dafür. Wo liegen also die Probleme heute, in einer Zeit, in der man dank bester technischer Hilfsmittel bis hin zur Spektralanalyse alles messen und definieren kann?

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“Haste Töne?” Farbtönungen in bunter Vielfalt.
Nur, welche ist welche?

Fakten der Zeit - der Zahn der Zeit

Druckfarben sind kein Stoff für die Ewigkeit. Diese lapidare Feststellung, die ein jeder aus seinem Umfeld her kennt, greift eigentlich schon zu kurz, denn auch der Bedruckstoff, das Papier, auf dem die Marken gedruckt sind, verändert sich je nach Einfluss. Und dies verändert dann ebenfalls die Farbwirkung!

Besser bekannt sind die potentiellen Einflussfaktoren auf Farben, die z.B. durch Alterung (Oxydation), durch Wasser (beim „Wässern" und nachfolgendem Ablösen der Marken), zuweilen durch Benzin (bei WZ-Untersuchungen), in erster Linie aber durch Licht, zumal Tages- und Sonnenlicht, wirksam werden. So mancher hat auch schmerzhaft erfahren, dass das Aufbewahrungsmaterial, z.B. Folien, seine Spuren an den Markenfarben hinterlassen kann.

Wie groß die Differenz zwischen der ursprünglichen Farbgebung einer Marke und deren heutiger Existenz sein kann, konnten selbst Experten im Vorjahr erfahren, die die Nachlass-Sammlung von Prof. Dr. Erich Stenger prüften. Nicht wenige Prüfer glaubten ihren Augen kaum zu trauen, war das Material doch in einer bislang nicht mehr bekannten „Farbfrische". Also wieder neue Farbtönungen? Sind das dann die „echten", die „ursprünglichen" und alle anderen die „falschen", heutigen? Oder heißt die Aufgabe, mit dem „Zahn der Zeit" in künftigen Jahrzehnten all die Tönungen zu katalogisieren, die in Jahr- zehnten -von Jahrhunderten ganz zu schweigen - noch entstehen können?
Diesen „natürlichen" Zerfallserscheinungen stehen vielfach auch künstlich herbeigeführte gegenüber, denen man besonders bei angeblichen Farbabarten schnell begegnen kann. Solche „Raritäten" findet man schon in der Kiloware, z.B. die Posthornmarke zu 10 Pf. blau statt grün - gut sonnenbelichtet und in kürzester Zeit leicht selbst herzustellen.

Auch ein Zuviel an Wärme bringt „positive" Resultate und erzeugt ebenso leicht aus einer roten Farbe braun- und dunkelbraunrote Tönungen, selbst braune Farbe soll schon so „angerichtet" worden sein. Blaue Farbtönungen sind häufig nicht lichtresistent und bedanken sich mit graublau- bis blau-Tönungen. Und wer Zuflucht zur Chemie und sonstigen Hilfsmitteln sucht, hat gar die freie Auswahl. Er kann grün schnell in ein blau verwandeln. Außerdem lassen sich ja Farben auch durch Übermalung oder Radierung verändern. Die Kunst der „Filoutelisten" ist hier schier unendlich.

Wer es allerdings lieber „natürlich" hat, dem sind in erster Linie häufige Ausstellungsteilnahmen zu empfehlen, was auch den Vorteil hat, dass er die Veränderung des Materialbestandes gar nicht mehr wahrnimmt, vergleichbar dem älter werdenden Gesicht, das man sich tagtäglich anschaut und dessen Entwicklung man auch nicht sieht.

So stellt sich letztlich heute bei der überwiegenden Mehrzahl der Ausgaben wirklich die Frage, in welcher ursprünglichen Farbtönung sie denn überhaupt erschienen sind und welche daraus -wie auch immer - entstanden sind. Eine Frage, die kaum noch zu beantworten ist, denn Erinnerung täuscht ebenso wie das ja nur scheinbar „aktenfrische" Belegstück.
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Prüfer- und Expertenhilfe

Die bislang genannten Probleme betreffen auch die Prüfer, denn diese leben ja nicht in einem luftleeren zeitlosen Raum. Deren Marken verändern sich ebenso wie auch die Prüfer selbst. Jeder weiß, dass mit zunehmendem Alter die Lichtsensibilität und -Wahrnehmung des Menschen sich verändert so wie auch bekannt sein dürfte, dass schon zwei Menschen eine Farbtönung nicht identisch wahrnehmen und noch weniger diese gleich definieren.

So setzt man neuerdings zunehmend mehr Hoffnung auf die verbesserte Technik. Aber auch die Spektrometrie wie auch der Computer können nur den „Ist-Zustand" vermessen. Es gibt, so trug Prüfer Wolfgang Sträub bei der BPP-Tagung in Frankfurt Ende April 2006 vor, „kein Verfahren außer dem direkten Vergleich mit gesicherten Farbreihen, das Aufschluss über gewollte oder ungewollte Farbveränderungen gibt."

Bei allem Bemühen des Prüferbundes um Standardisierung stoßen gut gemeinte Maßnahmen hier an Grenzen. Denn menschliche Wahrnehmung sieht Farben je nach Lichtquelle, Reflexionswinkel, Unterlage, aber auch infolge der Umgebungs- farben unterschiedlich. Natürlich kann eine normierte Lichtquelle (Tageslicht- lampe) und eine farbneutrale Unterlage in Grau oder Schwarz die Bedingungen normieren, wer aber garantiert potentiellen Kunden, dass jeder

Heute schon ein historischer Farbführer von F.Genth aus dem Jahr 1917.
Man fragt sich heute, wie die ernsthaften Philatelisten damals mit derart wenigen Farbtönungen auskamen.

Prüfer so vorgeht?

Wer zieht ins Kalkül, dass die „Tagesform" des Prüfers (z.B. Ermüdung oder Überanstrengung, Einfluss von Medikamenten, Alter, Alkohol, Ernährung) Berücksichtigung findet? Dabei ist es kein wirklicher Trost, auf das Vergleichsmaterial des Prüfers zu setzen, denn dies ist - wie ja schon zuvor gesagt wurde - keine unabänderliche Konstante, sondern eine Variable, die von Prüfer zu Prüfer unterschiedlich, aber auch beim einzelnen Prüfer selbst veränderlich sein kann.

Mag dies nun manchem als übertriebenes Horror- und Untergangszenario erscheinen, ist die Berechtigung der Aussagen aber nicht von der Hand zu weisen. Natürlich können normierte Beleuchtungsbedingungen das Problem entschärfen, aber eben nur zum Teil. Gleiches gilt für die technische Unterstützung. Unerlässlich ist auf jeden Fall die Standardisierung des Vergleichsmaterials zwischen Prüfern ein- und desselben Gebietes, damit diese auch mit „einer Stimme" sprechen, denn unterschiedliche Farbtönungs-Bestimmungen nutzen keinem.

Mit der Forderung der Standardisierung geht ein Sprachproblem einher, das mittlerweile auch Geschichte hat, wobei hier gerade die Tradition zum eigentlichen Problem geworden ist. Denn was zuerst einmal braunrot, dann rotbraun, dann rosarot-bräunlich oder gar rosabräunlich-rot geheißen hat, ist ja mehr als ein babylonisches Begriffsgewirr. In nicht wenigen Fällen ist heute nicht mehr eindeutig zu belegen, welche Katalogfarbe a, die frühere Prüfer bestimmt haben, heute dieser Farbe a - die ja heute gänzlich anders heißen kann - entspricht. Wer will hier für sich die Unfehlbarkeit päpstlich-dogmatischer Entscheidungen in Anspruch nehmen?

Selbst bei besten Bedingungen und kollegial festgelegter Sprachregelung und Definitionen wird es auch künftig sog. „Grenzbereiche" geben, eben all die Einzelfälle, in denen eindeutige Festlegungen, für die man auch eine Haftung übernehmen soll oder kann, schwierig, eigentlich gar unmöglich sind. Wolfgang Sträub charakterisierte solche sensiblen Bereiche, indem er in Frankfurt vortrug:

„Viele der katalogisierten Farbunterscheidungen, z.B. bei den Dauerserien des Deutschen Reichs Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, bestehen seit vielen Jahrzehnten. Möglicherweise würde man sich heute für eine andere Zusammenfassung von Farbgruppen, für andere Farbunterscheidungen oder auch in bestimmten Fällen für die Nichtkatalogisierung von Farbtönungsunterschieden entscheiden.

Es ist die Aufgabe der heutigen Prüfer dieses Erbe zu verwalten, die Farbreihen abzustimmen, die Farbüber- lappungen und die Grenzbereiche auszuloten, vorausgegangene Fehler auszumerzen, neue Methoden in der Forschung einzusetzen. Es ist eine einheitliche Aufgabe für alle Prüfer des jeweiligen Gebietes.

Bezüglich der Neukatalogisierung von Farben - gleich in welchem Sammelgebiet - gilt allerdings, dass man sich nicht selbst die Fußangeln anlegen sollte, in denen man dann stolpert. Hier kann man die neuen Methoden der Forschung im Vorfeld einsetzen, Farbüberlappungen und Grenzbereiche feststellen und dann auf die Katalogisierung von Farbtönungsunterschieden verzichten.

Als letzten Aspekt des Farbkomplexes seien die Preise erwähnt: Je gewaltiger die Preissprünge bei den katalogisierten Farbtönungsunterschieden sind, je breiter die Überlappungen im Farb-Grenzbereich sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für Fehler im Grenzbereich und auch für Verfälschungen und desto höher ist das Risiko für den Prüfer."

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